Canyoning durch die Zemmschlucht im Zillertal

Canyoning Zillertal

Soll ich oder soll ich nicht?! Bettina steht an der Felskante, die Knie zittern und die Nerven liegen blank. Unten tut sich ein riesiger Strudeltopf auf, da wo der wilde, kalte Gebirgsbach über die Kaskade hineinströmt. Bettina übt sich im Canyoning durch die Zemmschlucht. Sie steht kurz vor der Entscheidung, über die, rund zehn Meter hohe Kaskade in die brausende“ Gumpe“ des Zemmbach zu springen.

 

Der „homo amphibia“ ein besonders feuchter Zeitgenosse.

Canyonauten, wie die Schluchtenabenteurer genannt werden, begehen Schluchten – mit Neoprenanzug, Kletterausrüstung und jeder Menge Mut bewaffnet. Im hinteren Zillertal vor Ginzling gibt es mit der Zemmschlucht ein besonders Naturjuwel.

Diese Canyoningtour ist bei Einheimischen wie Touristen sehr beliebt. Eine Gruppe aus dem Tiroler Unterland bei Kufstein besucht gerne das Zillertal und hat sich heute die Zemmschlucht als sportliches Ziel ausgesucht. Die meisten Gruppen sind mit Canyoningführern unterwegs. Die kennen „ihre“ Schlucht wie die Westentasche, und zeigen ihren Gruppen auch die versteckten Schauplätze im Canyon. Wer auf Canyoningtour in Mayrhofen ist, muss sehr wasserbeständig sein. Canyonauten lieben das Wasser und bewegen sich zwischen den Felsformationen und  Wasserströmen durch die Schluchten. Nicht umsonst wird der Canyonaut deshalb auch als „homo amphibia“ bezeichnet.

Abseilen, Springen, Rutschen und jede Menge Spaß beim Canyoning in der Zemmschlucht

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Canyoning für Anfänger und Abenteuerlustige Foto: Adventure Club Zillertal

Los geht die Tour vor Ginzling bei der Straßengalerie, dort wo die beiden Straßen nach Ginzling wieder zusammentreffen. Ich muss schmunzeln als ich den Straßenwegweiser erblicke, steht doch groß „Schluchtstrecke“ mit Richtungspfeil darauf. Gemeint ist hier wohl eher die „alte“Straße entlang der Zemmschlucht nach Mayrhofen, als der Abenteuerpfad durch die Schlucht. „Scharti“, der Schluchtenführer vom Actionclub Zillertal, unterweist seine Gäste noch in die Canyoningregeln und dann geht die Reise los. Gleich beim Einstieg erwartet die „Neoschluchtengeher“ eine Rutsche über die Wehrmauer. Gerade das Richtige für das „Gewöhnen“ an diese actionreiche Tour. Weiter geht’s durch das knietiefe Wasser zwischen den ersten Felsgebilden. Von hier lassen sich die ersten tiefen Einschnitte der Schlucht erkennen. Wer das Wasser scheut, für den ist es jetzt zu spät: Der erste Sprung steht bevor! Mit etwas Anlauf geht’s hinunter in die grün schillernde „Gumpe“ des Zemmbach. Die Gruppe ist vollen Mutes, auch Bettina wagt den Sprung über fünf Meter. Noch lachen und klatschen alle – doch jeder ist gespannt was als nächstes kommen wird.

Höhepunkt in der Zemmschlucht: Der Zehn Meter Sprung

Höhepunkt in der Zemmschlucht: Der Zehn Meter Sprung Foto: Adventure Club Zillertal

Die „Blue Lagoon“, wie die Tour in der Zemmschlucht im Beinamen auch genannt wird, erstreckt sich über mehrere Kilometer und 200 Höhenmeter. Der Beiname „Blue Lagoon“ ergibt sich aus der Farbe der Strudeltöpfe. Im Sommer,  bei entsprechenden Wasserstand und Sonneneinstrahlung, haben die „Gumpen“ einen herrlichen Blauton. Im Kontrast zur Landschaft in der Umgebung bietet sich so ein wunderschönes Naturbild, das man gesehen haben muss. Die Schlucht ist teilweise sehr tief eingeschnitten, die Wasserstände dort entsprechend hoch. Rutschen, Abseilstellen und Sprünge wechseln sich ab. Abschnittsweise sind einige Geh- und Schwimmstrecken zu bewältigen. Die Zemmschlucht ist keine sehr schwierige Tour, etwas Mut braucht man jedoch, um sattelfest alle Schwierigkeiten zu meistern. Das merkt auch die Gruppe von „Scharti“. Mit ruhiger Hand und viel Routine bereitet er eine hohe Abseilstelle für die Gruppe vor.

Rauschendes Abseilen in die "Badewanne"

Rauschendes Abseilen in die „Badewanne“ Foto: Adventure Club Zillertal

Unten wartet eine große „Badewanne“, wie die tiefen kleinen Becken genannt werden, auf die Ankömmlinge von oben. Dieses Becken hat noch niemanden verschlungen, der Blick von oben in das dunkle Wasserbecken kann aber sehr respekteinflößend wirken. Meter für Meter werden die Teilnehmer aus zehn Meter Höhe abgeseilt und entfliehen dem Becken ans trockene Ufer. Wieder ist eine Hürde gemeistert! Zwei Höhepunkte der Tour stehen aber noch aus, diszipliniert abwärts steigend und rutschend folgen die Damen und Herren ihrem Schluchtenführer und sind gespannt auf die nächste Überraschung. Der aufmerksame Geher erkennt schon sehr bald was als nächstes kommen muss. Zwischen Felsen auf und ab kletternd tut sich ein besonderer Tiefblick auf! „Da geht’s aber schon weit runter,“ ertönt es von jemanden aus der Gruppe. Die andere nicken zustimmend und bereiten sich mental auf den bevorstehenden Sprung vor.

Zwischen sechs und zehn Metern sind die Sprungmöglichkeiten von diesem Felsen. Nach und nach springen die „Jungs“ und „Mädls“ der Gruppe hinunter. Bettina ist die Letzte, und möchte den Sprung von ganz oben wagen. Fast hat sie der Mut verlassen, als sie vor und zurück wippend doch noch den entscheidenden Schritt nach außen macht und in die Tiefe springt. „Wow“ meint sie, nachdem sie aus dem Wasser steigt und freut sich über so viel Überwindungskunst. Die letzte Abseilstelle über 20 Meter ist jetzt nur mehr ein Klacks für die Canyonauten.

Von Coolness, Selbstfindung und Abenteuerlust

Langsam aber sicher neigt sich das Abenteuer dem Ende zu. Die Teilnehmer freuen sich  über das bestandene Abenteuer. Die jüngeren Teilnehmer begnügen sich mit einem „Cool“, worauf ein anderer antwortet „etwas mehr Coolness wäre mir noch lieber“. Eine Dame meint sichtlich in sich gekehrt: „Nach diesen Mutproben und Überwindungen habe ich mich wieder mal selbst gefunden.“ Und schmunzelt.

Letztlich war die Zemmschlucht ein besonderes Abenteuer für die ganze Truppe. Bei der Heimreise macht sich bereits wieder die Abenteuerlust breit – die nächsten sportlichen Ausflugsmöglichkeiten in Mayrhofen werden ausgelotet.

 

 

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