Die Linde

Sinnessprache eines Baumes

Als Haus- und Dorfbaum, als Baum des lärmigen Burgplatzes oder stillen Klosterhofes, als weithin sichtbares Begegnungszentrum ist die Linde bedeutender als jede andere Baumart! Wie tief die Linde im Volksleben verwurzelt ist, zeigen unzählige Lieder, Sagen und Märchen, die sich um die Linde ranken.

Die Linde, als einer der volkstümlichen Bäume galt früher auch als Schicksalsbaum. Am Tag der Geburt des Stammhalters pflanzte der Vater, ob Kleinbauer oder feudaler Schloßherr, eine Linde. Das Leben des einzelnen Menschen, des Hauses oder der Stadt ist mit dem des Baumes verknüpft. Vielerorts gibt es auch Gedenklinden. Sie verleihen Kirchen, Bildstöcken und Kapellen eine besondere Würde. Die Linde wurde schon in heidnischen Zeiten verehrt, später zu Hexenbäumen gestempelt und in der christlichen Umformung werden aus den Linden der Liebesgöttin Freyja Marienlinden.

Im Mittelalter stand die Linde als des heiligen römischen Reiches Bienenweide unter strengem Bann. Honig war der einzige Süßstoff und Wachs wurde für Siegel und Altarkerzen gebraucht. Ihre heilenden Wirkstoffe, ihr ausgezeichnetes Schnitzerholz und die weiche Lindenholzkohle waren zum Zeichnen und Herstellen von Schießpulver begehrt.

Der sorgfältig gewählte Standort der Brandberger Dorflinde am Dorfplatz neben dem Brunnen und der Kirche zeugt von der besonderen Bedeutung, die man der Linde beimisst. Auch bei den Slawen nimmt die Linde einen besonderen Ehrenplatz ein. Sie war Treffpunkt für Jung und Alt, zu ernsten und fröhlichen Anlässen und Ort für Trauungen, Versammlungen, Gerichthaltung und Feste. Auch war es Brauch, beim Weg zum Friedhof bei der alten Dorflinde mit dem Sarg Halt zu machen, um den Toten Abschied nehmen zu lassen. Die Linde war bei den Germanen Freyja, der Göttin der Liebe, des Wohlstandes und der Fruchtbarkeit geweiht. Ein schöner Teil des Liebeslebens spielte sich bei der Linde ab, der Tanz unter der Linde galt als Liebesäußerung.

In den Überlieferungen über Bäume fußt oft eine für uns heute kaum mehr verständliche Symbolik. Begriffe wie Weltenbaum, Baum des Lebens, Stammbaum deuten darauf hin, dass der Baum schon seit jeher als Symbol des menschlichen Lebens sowie des gesamten Kosmos angesehen wurde. Besonders der Wechsel vom Tod zum Leben im jahreszeitlichen Ablauf des Baumes erschien den Menschen aus früherer Zeit als etwas Gewaltiges und Mystisches, da sie den Ereignissen und Kräften der Natur viel mehr ausgeliefert waren als heute.

Die tiefe Verwurzelung der Linde in der Bevölkerung  zeigt sich in den zahlreichen Sagen und Volksbräuchen. Die Nibelungensage z. B. erzählt vom Helden Siegfried und wie ihm ein Lindenblatt zum Schicksal wurde. Als er im Drachenblut badete, um dadurch unverwundbar zu werden, fiel ihm ein Lindenblatt auf seinen Rücken. Dies war die einzige Stelle, an der er verwundbar sein sollte und durch die er schließlich, von der Hand des grimmigen Hagen auch zu Tode kam.

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