Peter Habeler – Auf dem Weg nach Oben

Der weltberühmte Bergsteiger im Interview Spitzenbergsteiger Peter Habeler über den Berg als Herausforderung und Ruhepunkt, die Faszination am Gehen, das Austesten der eigenen Leistungsfähigkeit und seine Zillertaler Gipfel.

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Peter Habeler in den Alpen

Der weltberühmte Bergsteiger im Interview

Spitzenbergsteiger Peter Habeler über den Berg als Herausforderung und Ruhepunkt, die Faszination am Gehen, das Austesten der eigenen Leistungsfähigkeit und seine Zillertaler Gipfel.

Peter Habeler im Gespräch

Peter Habeler: einer der besten Bergsteiger der Welt im Gespräch.

Höhenluft: Peter, du bist einer der weltbesten und populärsten Bergsteiger unserer Zeit. Du warst sehr viel unterwegs, bist aber immer gern wieder ins Zillertal zurückgekehrt. Weshalb?

Peter Habeler: Ich bin hier geboren und aufgewachsen – ich bin einfach ein Zillertaler. Einer, der immer wieder gern heimkommt, aber auch gern wieder wegfährt. Ich war in meinem Leben sehr viel unterwegs, habe etwa in den Bergen Südamerikas, im Himalaja und im Karakorum viel Schönes erlebt. Mittlerweile war ich auch so oft in Nepal, dass es mir schon fast zur zweiten Heimat geworden ist. Aber zu Hause bin ich hier in Mayrhofen. Vor allem mit den Zillertaler Bergen bin ich sehr verbunden. Sie waren die Triebfeder für mich, immer wieder zurück zu kommen.

Höhenluft: Wie kamst du eigentlich zum Bergsteigen?

Peter Habeler: Mein Vater starb früh und meine Mutter musste viel arbeiten, deshalb sind mein Bruder und ich recht selbstständig aufgewachsen. So bin ich als kleiner Knirps einfach losmarschiert. Auf die Ahornspitze, den Kolm oder den Grinberg – alles, was von Mayrhofen aus zu erreichen war. Ich war begeistert und wissbegierig und hatte riesige Freude am Gehen und Steigen. Dabei habe ich viele Bergführer getroffen und von ihnen gelernt. Ich hatte immer das Glück, dass ich zur richtigen Zeit die richtigen Leute traf, die mich forderten und förderten. Ich kann mich beispielsweise noch sehr gut an den Volgger Toni erinnern, der mir beibrachte, im Gebirge keine langsamen Schritte zu machen, denn Schnelligkeit sei Sicherheit. Das hat mich meinen ganzen weiteren alpinistischen Lebensweg geprägt. Ich schaute von klein auf darauf, dass ich nicht zu lange herumdokterte, dass ich mein Ziel erreichte, zum Gipfel kam und dann wieder in die Sicherheit des Tales zurückkehrte. Mit 16 habe ich dann schon meine ersten Schillinge als Hilfsbergführer verdient. Beim Führen war ich glücklich. Ich war in meinen geliebten Bergen und verdiente auch noch ein bisschen Geld dabei. Deswegen war bald für mich klar, dass ich die Bergführerausbildung machen wollte.

Höhenluft: Was fasziniert dich an der Bewegung im Gebirge?

Peter beim Wandern

Immer schon liebte er das Wandern.

Peter Habeler: Früher war da oben auf den Bergen einfach alles neu. Mir gefiel die sportliche Aktivität und das Austesten der eigenen Leistungsfähigkeit. Ich wollte an meine Grenzen gehen bzw. vielmehr diese Grenzen überwinden. Ich verstand steile Wände immer als Herausforderung, der ich mich stellen wollte. Ich wollte einfach da hinauf. Ich setzte mir ein Ziel, wollte auf einen Gipfel und schaute, dass ich möglichst flott, sicher und gut hinaufkam. Bei Erstbegehungen kam der Reiz des Ungewissen hinzu, was faszinierend war. Etwas Neues zu tun. Etwas zu erleben, was vorher noch keiner erlebt hat. Schwierigkeiten zu überwinden. Es ist eine große Genugtuung, wenn alles funktioniert hat. Letztlich ist Bergsteigen ein Kampf gegen den eigenen inneren Schweinehund. Und ich habe diesen Kampf immer gerne geführt. Heute steht vielleicht weniger die Leistung im Vordergrund und mehr das Erlebnis – ich bin natürlich nicht mehr so ungestüm und wild und versetze Grenzen. Aber ich habe weiterhin meine Ziele. Ziele und Herausforderungen, die meinem Können und meiner Verfassung entsprechen.

 

Peter Habeler in den Alpen

Sein Ziel waren die Gipfel.

Höhenluft: Der Berg als Herausforderung?

Peter Habeler: Schon, aber Berge sind nicht nur Herausforderung, sondern auch Ruhepunkt für mich. Wenn ich allein unterwegs bin, gehe ich sehr schnell. Ich tanze fast und springe auch. Es ist mir ein großes Vergnügen, rhythmisch und gezielt Fuß vor Fuß zu setzen, schnell und präzise den nächsten Schritt zu wählen. Ich bin ein leidenschaftlicher Geher. Das Gehen ist für mich überhaupt das Maß aller Dinge. Langes Gehen, ausgedehntes Wandern ist meditativ und Balsam für Seele und Körper. Selbst wenn ich schlecht gelaunt von daheim weggehe, weil mir etwas durch den Kopf geht, das ich nicht klären kann – sobald ich unterwegs bin, auf dem Weg nach oben, fällt diese Beklemmung von mir ab. Ich habe Zeit, um meinen Gedanken nachzuhängen um die Maßstäbe wieder zurechtzurücken. Der Kopf wird frei. Ich gehe auf einen Gipfel, und wenn ich wieder herunterkomme, bin ich ein anderer Mensch.

Höhenluft: Du bist ja nach wie vor als Bergführer tätig. Welches Erlebnis wünschst du dir für deine Schützlinge?

Herausforderung

Herausforderung

Peter Habeler: Ja, ich mache das immer noch liebend gerne. Das Schöne am Vermitteln des Bergsteigens ist, dass die Leute Freude am Berg haben. Fantastisches Wetter, eine wunderbare Umgebung, wo man viel sieht und erlebt, der Gipfel, wenn man schlussendlich wieder wohlbehalten unten ankommt und der Gast ausgelastet, glücklich wegen all der Eindrücke und zufrieden ist – das macht allen eine Gaudi. Was mir auch am Herzen liegt, ist, den Leuten bewusst zu machen, dass auch Einfachheit eine Faszination der Berge ist. Man geht, man rastet, man kommt auf eine Hütte, man isst dort. Man hat ein Ziel vor Augen, macht den Gipfel, steigt wieder ab. Ein bewusst einfaches Leben. Ich glaube, das ist ganz wichtig. Wenn ich auf eine Hütte gehe, kann ich kein Hotel erwarten. Es braucht eine gewisse Bereitschaft, sich auf ein anderes Leben einzustellen, was manchen Leuten, die es gewohnt sind zu konsumieren, leider nicht leicht fällt.

Höhenluft: In deinem Buch „Das Ziel ist der Gipfel“ schreibst du, dass „die schönsten Berge daheim stehen“. Hast du für unsere HÖHENLUFTLeser ein paar Tipps parat?

abwechslungsreiche Natur in den Alpen

Die schönsten Berge sind für Peter daheim.

Peter Habeler: Die Zillertaler Berge bietenalles, was du dir als Bergsteiger wünschen

kannst: Steilwände mit extremen Schwierigkeiten, einzigartige Gratklettereien, lohnende Hochtouren, landschaftlich bezaubernde Wanderungen, gemütliche Berghütten, und, wenn man möchte, auch Einsamkeit. Auch wenn das Zillertal sehr erschlossen ist, ist viel von der Ursprünglichkeit des Tales erhalten geblieben. Neben den auf Normalwegen erreichbaren alpinen Zielen Reichenspitze, Wollbachspitze, Großer Löffler, Großer Möseler und Olperer liegen heute wieder Bergwanderungen von Hütte zu Hütte im Trend. Als eine der wohl schönsten Durchquerungen der gesamten Ostalpen gilt der Zillertaler Höhenweg von der Kasseler Hütte zur Geraer Hütte. Auf der Nordseite des Alpenhauptkamms führt ein sehr schön angelegter Steig von einer Hütte zur anderen, die Tagesetappen schwanken zwischen vier und sechs Stunden. Besonders ambitionierten Bergwanderern kann ich noch den Siebenschneidenweg, den Übergang von der Edelhütte zur Kasseler Hütte, empfehlen. Leichtere, auch bei schlechtem Wetter empfehlenswerte Alternativen finden sich im Bereich Mayrhofen, Lanersbach und Finkenberg, etwa von Brandberg auf das Kolmhaus oder von Mayrhofen auf die Edelhütte.

Zur Person

Der Mayrhofner Peter Habeler, Jahrgang 1942, wurde 1978 weltbekannt, als ihm gemeinsam mit Reinhold Messner die Erstbesteigung des Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff gelang. Weitere erfolgreiche Achttausender-Expeditionen, z. B. zum Nanga Parbat oder Cho Oyu, folgten. Peter Habeler leitet gemeinsam mit seinem Sohn Christian eine Ski- und Alpinschule in Mayrhofen, ist gerichtlich beeideter Sachverständiger für Alpinistik und gibt Vorträge. 1999 wurde ihm für seine Verdienste im alpinen Sicherheitswesen der Professorentitel zugesprochen. Was zieht dich immer wieder nach Mayrhofen, Peter Habeler? Ich fühle mich diesem Tal und dieser Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, sehr verbunden. Die Berge hier sind einfach am schönsten! Wenn ich aus dem Inntal hereinfahre, schon ganz draußen bei Fügen, und da sehe ich den Löffler in der Sonne leuchten, sehe die Westflanke und den steil abfallenden Ostgrat – also das ist ein Berg! Wie ein Achttausender steht der herinnen, fast wie der Makalu: so scharfkantig, einfach fantastisch. Ich genieße es, dass ich mich hier innerhalb kürzester Zeit in eines der ruhigen Täler zurückziehen kann. Genau aus dem Grund verstehe ich auch die Menschen, die aus der Großstadt herauswollen und bei uns Ruhe oder die Begegnung mit der Natur suchen. Oder sich sportlich betätigen wollen, damit sie Abstand vom Alltag finden.

„Das Ziel ist der Gipfel“

Tyrolia Verlag, 200 Seiten.

In persönlichen Texten und in Gesprächen mit der renommierten Alpinautorin Karin Steinbach erzählt Peter Habeler von seinen großen Bergerlebnissen.

„Der einsame Sieg“

Frederking & Thaler, 219 Seiten.

Peter Habeler beschreibt das packende Abenteuer der Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, das er mit Reinhold Messner teilte.

 

 

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