Almleben: Einblick in die Arbeit des Melkers

Umringt von schroffen Felsen, dem reißenden Zemmbach und einer unberührten Landschaft liegt die Alm der Familie Pfister aus Mayrhofen. Dort kümmert sich Melker Sepp im Sommer um seine 16 Milchkühe – eine Leidenschaft, die ihn seit dem Kindesalter begleitet.

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Ein Tag auf der Alm beim Sepp im Zillertal

Umringt von schroffen Felsen, dem reißenden Zemmbach und einer unberührten Landschaft liegt die Alm der Familie Pfister aus Mayrhofen. Dort kümmert sich Melker Sepp im Sommer um seine 16 Milchkühe – eine Leidenschaft, die ihn seit dem Kindesalter begleitet. Bei meinem Tag auf der Alm lerne ich seine Kühe kennen, erfahre mehr über das Kasen und seine täglichen Aufgaben auf 1.257 Meter Höhe.

Tagwache um 5 Uhr früh

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16 Milchkühe leben auf der Alm von Sepp.

Mein Wecker läutet um 5 Uhr – für mich eigentlich viel zu früh um aufzustehen. Pünktlich um halb 6 erreiche ich die Alm in Ginzling im Zillertal. Es nieselt leicht, die Wolken hängen über den imposanten Bergen und schon von weitem höre ich die Kuhglocken.

Ich folge dem Kuhstall-Duft und werde gleich freundlich von Sepp begrüßt. „Schön, dass du es so pünktlich geschafft hast. Wie du siehst, habe ich schon mit der Arbeit angefangen“, grinst mir der Melker zu und begleitet mich in den Stall.

Melkmaschinen erleichtern die Arbeit

Dort ist es im Gegensatz zu draußen angenehm warm. 16 Milchkühe leben hier auf der Alm im Sommer. Einige heben den Kopf um nachzusehen, wer denn gekommen ist. Während ich die Kühe neugierig betrachte, ist Sepp schon dabei die Melkmaschinen zu starten. „Nachdem ich das Braunvieh gefüttert habe, beginnt der Melk-Prozess. Ich besitze drei Maschinen, das erleichtert die Arbeit um einiges. Früher habe ich die Kühe mit der Hand gemolken, das war körperlich anstrengend und dauerte rund 15 Minuten pro Kuh. Mit der Melkmaschine benötige ich pro Kuh nur noch zwischen 5 und 7 Minuten“, klärt mich Sepp auf.

 

melkmaschine

desinfizieren

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Melken wie in alten Zeiten

Als ob er es gewusst hätte, erfüllt mir Sepp einen großen Wunsch: einmal eine Kuh zu melken. „Das ist Hilda, sie ist eine der bravsten in meinem Stall“, grinst mich Sepp an, stellt einen Kübel hin und zeigt mir die wichtigsten Handgriffe. „Bevor es losgeht werden die Zitzen etwas massiert. Wenn sie steif sind kannst du starten. Leg einfach deine Hand in die Mitte der Zitze, drück‘ zu und presse deine Finger nach unten“. Gesagt, getan: Nach dem dritten Versuch spritzt die Milch in den Kübel. Ganz schön anstrengend, wenn man das bei 16 Kühen machen muss, denke ich mir. Aber ein einmaliges Erlebnis!

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Jeder Stallplatz ist mit einem Namensschild versehen.

Sepp kennt jede Kuh beim Namen

Mein Blick schweift durch den Stall. Neugierig betrachte ich die Namensschilder über den Einstellplätzen. Neben Reife, Zenzi, Anita und Sandra finde ich den Namen Almrausch besonders originell. „Die Namen der Kälber fangen immer mit dem Anfangsbuchstaben der Mutterkuh an. Das ist so eine Regel bei uns“, erklärt mir der Tierliebhaber.

Natürlich – und wie könnte es auch anders sein – kennt er jede Kuh beim Namen. „Jede hat seine Eigenheiten, das ist wie bei uns Menschen. Mittlerweile weiß ich schon Bescheid über meine Schlawiner“, lächelt mich Sepp an. Nachdem er die Zitzen desinfiziert hat, reinigt er feinsäuberlich in einer kleinen Kammer neben dem Stall die Melkmaschinen.

380 Liter Milch täglich von 16 Kühen

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Eine Kuh gibt bis zu 24 Liter Kuh pro Tag.

Bis zu 24 Liter Milch gibt eine Kuh im Durchschnitt pro Tag, das sind insgesamt rund 385 Liter. „Es hängt von der Jahreszeit ab, im Winter – von Dezember bis März – produzieren sie mehr wie im Sommer“, berichtet Sepp. Jeden zweiten Tag wird die Milch abgeholt und in die Sennerei gebracht.

Zusätzlich ist einmal pro Woche „Kastag“ auf Sepps Alm in Ginzling. Dann verarbeitet er 400 Liter Milch zu 40 Kilogramm Graukäse für das Hotel Neue Post in Mayrhofen, bei dem er als Melker angestellt ist. „Die Kashütte zeige ich dir später. Die Tiere sind versorgt, jetzt gibt es mal ein Frühstück“, sagt Sepp und geht mit mir Richtung Almhütte.

Frühstück mit Filterkaffee und frischer Milch

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Jeden Tag besucht Sepp die Kapelle auf der Alm.

Die Almhütte auf 1.257 Meter Höhe ist schon etwas moderner. Fasziniert starre ich auf die hauseigene Kapelle gleich neben dem Haus: „So eine Kapelle hat natürlich nicht jede Alm. Ich schätze sie sehr. Jeden Tag vor der Arbeit suche ich die Kapelle auf, tauche meine Hand in Weihwasser und mache das Kreuzzeichen“, erklärt Sepp, während er mein Frühstück herrichtet.

Semmerl und Weckerl mit Butter und Marmelade, dazu Filterkaffee mit frischer Milch. Während ich den letzten Schluck Kaffee austrinke, geht Sepp zum Fenster: „Der Milchwagen ist da!!“

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Jeden Tag wird die Milch von einem Lkw abgeholt.

Wie die Milch in die Molkerei kommt

Schon von weitem begrüßt er seinen Milchlieferanten, der inzwischen die Milch in seinen Lkw pumpt. Eine Anzeige verrät, wie viel Liter Milch er mitnimmt. Heute sind es exakt 384 Liter.

Sepp verschwindet kurz im Stall und gibt seinem Kollegen zur Stärkung eine Schokolade mit. „Das mache ich immer, ich schätze seine Arbeit sehr“, klärt er mich auf. Der Milchfahrer ist weg und gemeinsam gehen wir zur nächsten Station gleich ums Eck – zur Kashütte.

Von der Milch bis zum Graukäse

Alm in Mayrhofen

In der Kashütte wird einmal pro Woche Graukäse erzeugt.

In der kleinen Hütte aus Holz befinden sich große Kessel, kleine Holzfässer und unzählige Geräte. Über eine Leitung wird die Milch in den großen Behälter transportiert, der die Magermilch von dem Rahm trennt. „Aus 200 Liter Milch entstehen 20 Liter Rahm und 180 Liter Magermilch. Der Rahm wird in unserem Hotel weiterverwertet, die Magermilch ist die Basis für den Graukäse“, teilt mir Sepp mit. Nachdem die Magermilch 4 Tage in Holzfässer gelagert wird, bis sie sauer und gestockt ist, kommt sie in den Kaskessel, wo sie 12 Stunden auf 48 Grad erhitzt wird. Danach wird der Käse noch einmal umgedreht und sechs Stunden so belassen. Zum Schluß füllt er sie in löchrige Holzfässer, in denen sie fest und sauer wird. Nach 3 bis 4 Tagen ist die Feuchtigkeit entzogen und der Käse wird abgeholt. „Es ist für mich eine tolle Abwechslung. Außerdem gehört Graukäse zu einer meiner Lieblingsspeisen“, offenbart uns Sepp, der sein Almleben jeden Tag genießt.

Täglicher Ausflug auf die Almwiesen

 

Mittlerweile ist es halb neun – die Zeit vergeht wie im Flug. „Jetzt bringen wir die Kühe auf die Weide“, verkündet Sepp und verschwindet im Stall. Nach und nach marschiert das Braunvieh gemächlich Richtung Weide. Sepp gibt mir einen Stock und wir beide bilden das Schlusslicht. „Insgesamt gehören uns hier 19 Hektar Wiese. Jeden Tag führe ich meine Kühe auf eine andere rund 3 Hektar große Weide“. Dort angekommen hüpfen die Kühe vergnügt in der Wiese herum. So glückliche Kühe habe ich wohl noch nie gesehen.

Info: Die Kuhglocke dient bis heute als Hilfsmittel, um auch im Nebel die Kuh auf der Weide zu finden.

 

 

melkschemel

Almleben

almwiese

 

Lustige Erlebnisse im Stall

Am Weg zurück zum Stall erzählt mir Sepp den weiteren Ablauf für heute: „Am Nachmittag kommen die Kühe wieder in den gesäuberten Stall, werden gefüttert und gemolken. Dann ist schon wieder ein Tag vorbei“, berichtet der Melker. Lustige Momente hat er schon einige erlebt. „Als kleiner Bub war ich immer beim Nachbar-Bauer. Im Gegensatz zu heute, hat man früher die Kuhschwänze noch nicht an ein Seil hochgebunden, sondern sie auf den dreckigen Boden hängen lassen. Als der Nachbar den Stall betrat, stand gerade eine Kuh auf und traf ihn mit ihrem schmutzigen Schwanz mitten ins Gesicht. Er brachte kaum noch seine Augen auf. Ein Moment, der mir nicht nur einen großen Lachkrampf beschert hat, sondern aus dem ich auch gelernt habe“, erinnert sich Sepp zurück und befestigt seither die Kuhschwänze mit einem Seil an der Decke.

Alm Zillertal, Almleben

Sepp erledigt seine Arbeit mit Leidenschaft & Herzblut.

Erfüllendes Leben auf der Alm

Der Umgang mit den Kühen verrät wie viel Herzblut Sepp in seine Arbeit steckt. „Natürlich habe ich eine intensive Bindung zu meinen Viehern. Ich bin ja nicht nur Melker, sondern auch Krankenpfleger, oder Hebamme bei Geburten“, betont der Tierliebhaber grinsend. Wünsche hat der Kuh-Experte nicht viele, nur dass er gesund bleibt und bis zur Pension seine geliebten Tiere pflegen darf. Ein Melker mit Leidenschaft eben! Er hat mir einen so schönen Einblick in sein Almleben gegeben, dass ich ihn bestimmt noch einmal besuchen werde!

Melker-Jargon

  • Milchzummen – Kessel, mit denen vor rund 20 Jahren die gemolkene Milch zur Kashütte transportiert wurde
  • Stallknospen – Stallschuhe aus Holz
  • „Beckal“ – Kapperl für die Arbeiten im Stall
  • Melkschemel – Gefederter Standfuß mit runder Sitzplatte und Garnitur zum umschnallen, der einen Hocker ersetzt
  • Sechta – Kübel
  • Melkerrasten – Mittagsschläfchen auf der Alm
  • „Melkermuas“ – Hauptspeise aus Mehl, Butter, Salz und Milch
  • Niederleger – Alm auf einer Höhe von 1200 – 1500 Meter
  • Hochleger – Alm ab 1500 Meter Höhe

 

 

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In der Ferienregion Mayrhofen-Hippach haben Kultur & Tradition seit jeher einen hohen Stellenwert und werden in vielfältiger Weise gepflegt. Neben vielseitigen sportlichen Angeboten laden zahlreiche musikalische und kulinarische Schmankerl zum Lauschen, Feiern, Schlemmen und Genießen ein.

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